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Wenn die Fitness-App die individuelle Krankenkassen-Prämie bestimmt

Der Futurist – die neue Rubrik von Gerd Leonhard in ALPHA. 4. Folge – Wer gesund lebt, soll tiefere Krankenkassenprämien bezahlen. In Zeiten, in denen wir jährlich unter steigenden Versicherungsprämien leiden, ist das Angebot verlockend. Einzige Bedingung: Versicherte müssen via eine App auf dem Smartphone ihren Lebensstil, insbesondere ihre Fitnessaktivitäten überwachen lassen. Die Daten werden dann an die Versicherung übermittelt.
Als erster grosser Versicherungskonzern will die „Generali“-Gruppe in Deutschland ein solches Telemonitoring anbieten. Noch gibt es das Angebot in der Schweiz nicht. Hier wäre es zulässig, allerdings nicht in der Grundversicherung.
Tatsache ist: Der Kunde entwickelt dank einer solchen App ein besseres Gesundheitsbewusstsein. Was auf den ersten Blick Sinn macht, entpuppt sich bald als problematisch, weil es dem Sinn der kollektiven Versicherung widerspricht, die sowohl die guten als auch die schlechten Risiken bedienen sollte. Versicherer gleichen die unterschiedlichen Risiken aus – zwischen vielen Kunden und über die Zeit.
Mit den individualisierten Tarifen versuchen die Versicherer, die besten Risiken, das heisst die jungen, gesunden und fitten Menschen, für sich zu gewinnen. Wer, aus was für Gründen immer, nicht in der Lage ist, Sport zu treiben, wird sich einer anderen Krankenkasse zuwenden. Wenn wir den Gedanken der individualisierten Tarife, die auf dem Real-Time-Tracking beruhen, zu Ende denken, wird das Prinzip der Versicherung ad absurdum geführt. Wer Auto fährt, kennt das Bonus-Malus-System der Versicherungen, das vom individuellen Verhalten des Fahrers abhängt, und die teureren Prämien für junge Fahrer. Der Unterschied bei der Erhebung der Fitnessdaten von Versicherten liegt in der Menge der rund um die Uhr erfassten Daten.
Jeder muss sich deshalb selbst die Frage stellen: Würden Sie ihre vertraulichen Körperdaten und Details über Ihre Bewegungen, wie zum Beispiel die Anzahl Schritte, die Sie gehen, oder den Ort, an dem Sie sich gerade aufhalten, mit dem Versicherer teilen? Und wer sorgt dafür, dass meine Daten nicht in falsche Hände geraten?
Bei der Datenerfassung schwingt zudem eine Technologiegläubigkeit mit: Was die Daten sagen, muss wahr sein. Aber spiegeln die Daten auch den Gesundheitszustand einer Person? Auch wer sich wenig bewegt und raucht, kann 100 Jahre alt werden. Anderseits kann auch ein gesunder Sportler an Lungenkrebs erkranken.
Die Prämie für den Versicherten entspricht schlussendlich der algorithmisch berechneten Einschätzung der Versicherung. Die Software bestimmt also, was «gesundes» Verhalten ist. Welche Parameter beigezogen werden, bleiben im Dunkeln.
Der Preis, den wir für die technologiezentrierten Krankenkassenprämien bezahlen, ist hoch. Wer „nackt“ oder „durchsichtig“ durchs Leben geht, spart Geld – nicht nur für Datenschützer ist dies ein Albtraum. Jede unserer Bewegungen und Genüsse hat ihren individuellen und prämienrelevanten Preis – ob wir jetzt Ausschlafen, eine Flasche Wein öffnen oder mit Freunden ein Käsefondue geniessen. Man sollte deshalb nicht erstaunt sein, wenn gerade über die Weihnachtstage die Prämien sprunghaft ansteigen. Müssen wir uns künftig bei jedem Genuss überlegen, wie viel dieser kostet? Einige Krankenkassen halten dies für wünschenswert; ich persönlich bin anderer Meinung.

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