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Wearables – Fluch und Segen

Sie sind praktisch, vereinfachen unser Leben und bergen gleichzeitig die Gefahr des Datenmissbrauchs und der sozialen Isolation ihrer Träger. Entwickler und Hersteller von Wearables müssen sich die Frage stellen: Sind die Geräte von nachhaltigem Nutzen oder sind sie nur datensammelnde Mausefallen für deren Nutzer?

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der die Datenverarbeitung so unsichtbar und schnell vor sich geht wie ein Gedanke. Unser Gehirn, und damit verbunden unsere Sinneswahrnehmung und unser Verstand, ist nahtlos mit einem digitalen Gerät verbunden, welches unsere Fähigkeiten ins Unermessliche steigert. Wir werden zu Supermenschen und die Grenze zwischen Mensch und Maschine verwischt. Möglich machen dies die Wearables – Geräte, die wir am Körper tragen. Was vor ein paar Jahren noch ein kiloschwerer Laptop war, ist heute als Google Glass nur noch wenige Gramm schwer und kann bequem auf der Nase spazieren geführt werden. Andere Anwendungen finden sich in Armbändern oder in der Hosentasche.

Die Wearables stellen die nächste grosse Evolutionsstufe der Unterhaltungselektronik dar. Fraglich ist nur noch, welches Konzept sich durchsetzen wird: eine Datenbrille wie Google Glass? Eine Smartwatch? Intelligente Kopfhörer? Smarte Armbänder? Viele Wearables wirken bisher noch experimentell. Doch die kleinen Geräte werden schon als Gadgets beworben, die den Alltag vereinfachen. Tun sie dies auch wirklich? Mit einem Augenzwinkern oder einem simplen Sprachbefehl sofortigen Zugriff auf alle weltweit verfügbaren Datenmengen erhalten – die Power von IBMs Watson stünde so jedem Arzt, jedem Piloten oder auch jeder Verkäuferin sofort zur Verfügung. Stellen Sie sich Google Now x100 auf die eigene Iris projiziert vor.

Wir nutzen Dienste, die uns, bevor es uns überhaupt selbst bewusst wird, mitteilen und erinnern, was wir brauchen – sei es den Vorrat an Klopapier aufzustocken oder den Flug zu bestätigen. Unser physischer Zustand wird rund um die Uhr via Armbanduhr und Fitness-Armband überprüft; treten Unregelmässigkeiten bei Blutdruck, Puls oder Blutzucker auf, werden die entsprechenden Gesundheitsdienste alarmiert. Schöne neue Welt? Das Leben in der Zukunft ist komfortabel, einfach, sicher, erhebend, schön und süchtig machend. Nicht nur das: Es ist auch beängstigend – und bald Realität. Dieses Jahr werden bereits 90 Millionen Wearables verkauft, 2015 werden es schon 165 Millionen sein. Langsam erst begreifen wir, was mit vernetzen Geräten möglich wird.

Zauberlehrlinge zwischen Fortschritt und Fluch

«Nichts Gewaltiges tritt in das Leben der Sterblichen ein ohne einen Fluch», hat einst der griechische Dichter Sophokles geschrieben. Auch im Zusammenhang mit Wearables zeichnen sich Flüche ab: Big Data, die Cloud, künstliche Intelligenz und selbst der gute alte Kapitalismus kommen in den Verdacht, uns Zauberlehrlinge via Wearables zu manipulieren. Tatsache ist: Die Gefahr der exponentiell zunehmenden unbeabsichtigten Konsequenzen des Einsatzes der digitalen Helfer muss berücksichtigt werden. Wir werden kaum je die Möglichkeit haben, einfach «Nein» zu sagen – tragbare Elektronik-Gadgets kommen so sicher wie Mobiltelefone und werden die Welt überschwemmen.

Die kreativen Möglichkeiten moderner Technologien sind verlockend. Werden wir künftig noch selbständig Entscheidungen treffen oder werden wir zu Sklaven unserer Maschinen?

Marshall McLuhan nannte in seinem 1964 erschienen Buch «Understandig Media» die Medien «die Erweiterung des Menschen». Wenn sich Wearable-Techs nun als «Medien» definieren lassen, sind sie in der Abfolge der mobilen Geräte der nächste logische Schritt dieser rasanten Entwicklung.

Die kreativen Möglichkeiten moderner Technologien sind verlockend. Bloss: Welche Auswirkungen werden die Wearables auf unser Leben haben? Wir müssen den Umgang mit unseren Daten lernen. Wichtig ist, dass wir für Daten, die wir abgeben, auch entsprechende Informationen zurückerhalten – diese Balance müssen wir zuerst neu aushandeln. Das Internet ist erst rund 20 Jahre alt und wir befinden uns immer noch in einem Lernprozess mit dieser Technik.

Sehen und gesehen werden

Leistungsstarke, mit dem Internet verbundene Smart- TVs leiten eine Ära ein, in der wir ziemlich alles auf riesigen Super-HD-Bildschirmen sehen können: TV- Programme, Filme und Videos, Fotos, Unterhaltungen via Skype, Tweets, Games oder Telepresence-Konferenzen.

Die Herausforderungen im Umgang mit tragbarer Elektronik sind vergleichbar mit denjenigen im Umgang mit den digitalen Medien und mit der Unterhaltungsindustrie. Nur den wenigsten Konsumenten ist allerdings bewusst, dass die Kommunikation mit unseren TV-Geräten (also unseren visuellen Super- Computern) nicht mehr einseitig, sondern neu wechselseitig funktioniert. Mittels eingebauter Kameras, Mikrophone, datensammelnder Software und Gesichtserkennungsprogrammen «spüren», sehen und hören uns diese Geräte. Sie «saugen» Informationen von und über uns ab, ohne dass wir nur daran denken können.

Diese TVs werden aufs Genaueste wissen, wer wir sind und was wir tun. Sie sind damit von unvorstellbarem Wert für diejenigen, die uns diese Geräte in einem faustischen Pakt zur Verfügung stellen oder verkaufen. Es geht dabei um «harte» Daten, nicht nur um Inhalte: Wir sind diejenigen, die beobachtet werden – während wir zu immer tieferen Kosten immer mehr verschiedene Formate konsumieren.

Ähnliche und gesellschaftlich noch vertracktere Probleme werden im Zuge des zu erwartenden Booms der Wearables auftreten. Mit unseren Smartwatches, Fitnessarmbändern und Smart-Metern können wir die Welt, in der wir leben, immer besser und immer schneller einschätzen, beurteilen und verstehen. Die schön designte Smartwatch, die mich an die nächsten Termine erinnert, mich vor wichtigen Entwicklungen meiner Aktienbestände warnt, mich auf die Notwendigkeit eines regelmässigeren Trainings hinweist oder gar Prognosen erstellt, wie gut ich mich mit dem nächsten Date verstehen werde, mag sehr nützlich erscheinen – zumindest einigen.

Der erstaunliche, neue und scheinbar kostenlose Komfort hat aber auch eine Kehrseite: Meine smarten Geräte, virtuellen Helfer und aktiven AI-Apps kennen mich genauer und besser als jeder andere Mensch. All diese Technologien sind ausserdem selbstlernend – die Daten fliessen in beide Richtungen. Der geschlossene Pakt mit der Technologie und deren Machern würde sogar George Orwell zu Tode ängstigen: Tausche deine Privatsphäre gegen Komfort, spring in dieses unglaubliche Daten- und Informationswurmloch, erlange Superkräfte! Wollen wir das wirklich?

Google Glass und das FKK-Strand-Problem

Am Körper getragene technische Gadgets wie die Google-Brille bringen das mit sich, was ich das «FKK- Strand-Problem» nenne: Wenn alle um mich herum Datenbrillen tragen und nur ich bin nicht «nackt», so fühle ich mich wie ein Spinner.

Bin ich aber der Einzige, der nackt ist (der also Google-Glasses trägt), während alle anderen bekleidet sind, werde ich zum unwillkommenen Aussenseiter. Das mag den kühlen Empfang beschreiben, der Google-Glass-Usern bereitet wird.

Wearables bedrohen unsere Anonymität, machen uns lesbar wie einen USB-Stick und stellen den Datenschutz infrage – absichtlich oder auf Grund unbeabsichtigter Konsequenzen sei dahingestellt. Diese Deutungshoheit und Macht über Daten und Menschen kann nicht im Interesse einer Firma oder einer Regierung liegen – ausser diese strebt die totale Weltherrschaft an.

Im Umgang mit Wearables braucht es dringend neue soziale und politische Abkommen, welche den Umgang und die Nutzung der Geräte regeln. Das Problem: Google schenkt solch garstigen Nebeneffekten seiner unglaublichen Erfindungen kaum Aufmerksamkeit. Aber früher oder später werden sich Entwickler und Hersteller der Wearables die wichtigste Frage überhaupt stellen müssen: Werden diese Devices und Dienste von realem Wert für ihre Benutzer sein? Oder bleiben sie schlussendlich nur datenverschlingende Mausefallen und abhängigkeitsfördernde Geräte? Noch ist es nicht so weit, dass sich die Industrie ernsthaft mit diesen Fragen auseinandersetzt. Deshalb bin ich überzeugt, dass die besten Einsatzmöglichkeiten für die meisten Wearables heute im Businessbereich oder in fachspezifischen Situationen liegen. Dort, wo es keine grosse Rolle spielt, wenn die sie nur von einigen wenigen Personen genutzt werden, beispielsweise von Ärzten, von der Feuerwehr oder vom Check- In-Personal am Flughafen. In all diesen Fällen zielt die Verwendung der Geräte darauf, dass deren Technologien unser Leben verbessern und nicht im Dienste derjenigen stehen, die sie uns aufgetischt haben.

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