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Der Soziologe und der Futurist

Manche denken Soziologen seien Kultur- und Technik-Pessimisten. Das ist nicht so. Gestern hatte ich das Vergnügen mit Ueli Mäder, dem renommierten Soziologie-Professor der Uni Basel, den ich bisher nur aus den Medien und ausseinen Büchern kannte, am vergangenen Sonntag einem Matinee-Gespräch in der Stadtbibliothek Basel teilzunehmen.

Als Futurist befasse ich mich ja oft auch mit den Auswirklungen der Technik, die gerade daran ist, alle unsere Lebensbereiche zu erobern und zu verändern. Grundsätzlich bin ich eher ein Optimist, fordere aber eine politische Kontrolle und einen neuen Sozialvertrag, der den Umgang mit unserer zunehmenden Datenflut besser und transparenter regelt – und zwar zu Gunsten von uns Konsumenten und Bürgern und nicht von ‘Big Internet’ oder ‘Big Government’,
Hier erntete ich Zustimmung von Ueli Mäder, der zwar ohne Handy glücklich und zufrieden durchs Leben geht, aber durchaus auch die Vorteile der digitalen Vernetzung erkennt: „Früher lebten wir in einer Zwangsgeborgenheit von sozialen Systemen, die uns kontrollierten. Jetzt erleben wir den historischen Ausbruch dank der Individualisierung.“ Immer wieder interessant war, wie der Wissenschaftler die Zukunft in einen historischen Kontext stellte.
Einen Schwerpunkt des Gespräches in der Stadtbibliothek unter Leitung von Roger Ehret stellte die Zukunft der Arbeitswelt dar. Ich verwies dabei auf Studien, welche davon ausgehen, dass bis zu 50 Prozent aller Jobs in Zukunft in den nächsten 25 Jahren durch Maschinen, Digitalisierung, Automatisierung und intelligente Software erledigt werden können.
Natürlich werden viele ganz neue Jobs in einer Art Gegenläufigkeit der Entwicklung einen Teil der alten Jobs ersetzen. Es ist aber zu befürchten, dass dies nicht in jedem Fall eintreten wird und es zu ‘technologischer Arbeitslosigkeit’ als Folge einer Art von Hypereffizienz in der Wirtschaft kommen wird. Künftig müssen wir uns also auch überlegen, wie wir Arbeit und sich den Lebensunterhalt verdienen definiert werden sollen. In diesem Zusammenhang verwies Ueli Mäder darauf, dass heute in der Schweiz 9,5 Milliarden unbezahlte Stunden Arbeit geleistet werden, denen nur gerade 8 Milliarden bezahlte Stunden gegenüberstehen.
Schmunzelnd fügte er an, dass wir dank den Robotern künftig möglicherweise mehr Musse-Zeit für uns selbst zur Verfügung hätten. Auch hier interessant, wie Mäder den Bogen zur Geschichte schlug. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe man befürchtet, dass durch die Arbeitsteilung in der Produktion an Fliessbändern die Menschheit auseinanderdividiert werde. Es sei nicht eingetroffen. Deshalb sei er, wie er verriet, ein „gewisser Optimismus“, was die Zukunft betreffe, nicht von der Hand zu weisen, wie ihm der Gesprächsleiter entlockte.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Gespräch mit Ueli Mäder sehr fruchtbar und interessant verlief und mir neue Einblicke vermittelt hat. Gerne lade ich ihn wieder einmal ein auf einen Meinungsaustausch – in nicht allzu ferner Zukunft über die Zukunft natürlich.

Ueli Mäder (mi.), Gerd Leonard (re.)

 

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