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Technologie versus Mensch? Die wichtigsten Thesen in Gerd Leonhards neuem Buch „Technology vs. Humanity“

Mein neuestes Buch „Technology vs. Humanity“ ist seit Mitte September 2016 im englischen Original, und seit August 2017 auch auf Deutsch im Markt und hat sich in kurzer Zeit zu einem wichtigen ‚Must-Read‘ entwickelt.

(» 40+  5* Reviews alleine auf Amazon.com).  Auf www.techvshuman.com gibt es mehr Details zum Buch; kaufen könnt ihr es weltweit am besten über Amazon.  Die englischen Bottom-Lines und Memes sind hier, noch mehr Reviews sind hier.

Der Titel des Buches ist als Provokation gedacht, nicht als Prophezeiung, denn ich bin eigentlich ein Optimist was unsere Zukunft betrifft: Für mich wäre „versus“ der schlimmst anzunehmende Fall. Er wird auch nur dann eintreten, wenn sich die Technologie verselbstständigt und vom Menschen und seinem Wohlergehen abwendet, also wenn sie vom Werkzeug zum Sinn wird. Ich halte dies allerdings für ziemlich unwahrscheinlich,  vorausgesetzt, dass es uns gelingt, uns auf eine globale digitale Ethik zu einigen und ein kollektives Verständnis dafür zu entwickeln, was und wer wir in der Zukunft sein wollen. Das setzt allerdings auch voraus, dass wir immer noch wissen wo der „Mensch“ endet und die „Maschine“ beginnt. In einer idealen Zukunft würde die Menschheit alle Technologien beherrschen (und nicht andersherum) und dazu nutzen, die großen Herausforderungen wie Krankheiten, Wasserversorgung, Hunger, Energie usw. zu lösen. Damit würde sich der Mensch vor allem eines verschaffen: mehr Zeit. Mehr Zeit, um sie mit den Tätigkeiten zu verbringen, die am oberen Ende der sogenannten Maslow-Pyramide der menschlichen Urbedürfnisse angesiedelt stehen, wie zum Beispiel soziale Interaktionen oder Selbstverwirklichung. Technologischer Fortschritt, der immer am menschlichen Glück (‚human flourishing‚) gemessen wird, wäre ein durchaus positives Ergebnis; und dies wäre auch historisch gesehen eigentlich der Normalzustand. Ich schätze unsere Zukunftschancen also ungefähr zu 90 Prozent positiv ein, aber ich meine auch, dass es dringend nötig sein wird dafür zu sorgen, dass die Gefahr der 10 Prozent nicht auch exponentiell zunimmt.

Die Menschheit wird sich in den kommenden 20 Jahren stärker verändern als in den 300 Jahren davor.

Manch einer amüsiert sich gerne über dieses Statement weil man denkt, dass es vollkommen überdreht klingt. Ich glaube, dass ich damit eher untertreibe wenn wir der Realität der exponentiell wachsenden und sich gegenseitig verstärkenden technologischen Veränderungen gewahr werden, die uns jetzt bevorsteht. Der kumulative Effekt dieser Veränderungen geht meines Erachtens weit über das hinaus, was uns die Industrielle Revolution oder die Erfindung des Buchdrucks beschert haben (ein kurzes Video dazu). Erfindungen wie die Dampfmaschine, Elektrizität oder die Druckerpresse hatten keinen direkten Einfluss auf die menschliche Biologie, aber die aktuelle technologische Entwicklung wie KI/Artificial Intelligence kommt uns Menschen jedoch immer näher, hautnah, oder könnte sich gar in uns selbst einnisten. Denken wir nur an tragbare Computeranwendungen wie die Smart Watch und digitale Fitness Tracker oder an Google Glass (die neue B2B Variante kommt wohl bald) und Oculus Rift, aber auch an die Nanotechnologie (Mini-Roboter in unserem Blutkreislauf?)  oder an die Manipulation des menschlichen Genoms mit der CRISPR-Cas9 Technologie. Solche neuen Möglichkeiten werden uns dazu zwingen, neu zu definieren, was wir unter Mensch und Menschlichkeit verstehen – und wir werden unsere ethischen Grundsätze konstant in Frage stellen müssen. Technologie veränderte bisher immer nur unsere Umwelt. Wenn sie aber beginnt, unsere biologische Welt zu prägen oder gar zu bestimmen, was sie längst schon tut, dann beschleunigt sich das Entwicklungstempo derart, dass das, was in den oben erwähnten 300 Jahren geschah, im Vergleich dazu schon ziemlich verblasst. Deswegen lautet einer meiner Grundsätze in diesem Buch:

Wir sollten Technologie umarmen aber nicht zu Technologie werden.

Magie, Manie oder Madness; Himmel oder Hölle, das ist die Frage. Weil Technologie ja von uns selber geschaffen wird, kann sie sowohl gut als auch schlecht sein –moralisch gesehen ist sie neutral– bis wir sie anwenden (frei nach meinem favourite  Science-Fiction-Autor William Gibson). Was mir aber z.B. an der aktuellen Singularity und Transhumanismus-Debatte viel mehr Sorgen bereitet ist, dass viele Technologie-Gläubige wohl ganz selbstverständlich annehmen, dass wir genau wissen, wo die Grenzen der Menschlichkeit liegen – und dass es nun unsere Aufgabe sei, diese Grenzen mittels technologischer Intervention zu sprengen („transcending human limitations“). Aber was wäre, wenn wir das wirklich tun? Technologischer Fortschritt lässt sich nicht rückgängig machen; es gibt nichts, dass wir wieder in die Kiste zurückzwingen können. Goethes Zauberlehrling lässt grüßen: „Die Geister, die ich rief…“ Die transformative Kraft der Technologie wächst exponentiell und ist kombinatorisch – und die meisten Auswirkungen werden, denke ich, für uns sehr positiv sein. Wir werden über Kurz oder Lang die meisten Krankheiten besiegen, die CO2-neutrale Energieversorgung sicherstellen, die globale Erwärmung stoppen und vielleicht sogar den Klimawandel umkehren können. In meinem Buch betone ich deshalb auch, dass wir die Technologie annehmen und ihre positiven Auswirkungen für uns nutzen müssen. Ich möchte jedoch ganz laut davor warnen, deswegen und dabei selbst ein Teil dieser Technologie zu werden. Ja, wir sollten uns weiter um Fortschritte in der menschlichen Genomchirurgie bemühen, weil sie uns eines Tages helfen könnte, Krebs, Diabetes oder Alzheimer’s zu bezwingen. Es wäre aber ein schwerer Fehler, die gleiche Technologie anzuwenden, um unsere Kinder im Mutterleib zu programmieren oder womöglich die ganze Menschheit umzuprogrammieren, geschweige denn eine neue Rasse von hybriden Mensch-Maschinen-Wesen zu erzeugen. Ein anderes und aktuelleres Beispiel sind Übersetzungs-Applikationen, die in naher Zukunft perfekt funktionieren und deshalb allgegenwärtig sein werden (SayHi, Google Translate, Skype Translate etc). Wir werden -und sollten- solche Tools nutzen, weil sie unser Leben erleichtern. Aber wir sollten wohl trotzdem nicht aufhören, unseren Kindern Sprachunterricht an den Schulen zu geben, oder uns allgemein zu bemühen wenigstens ein paar Worte in anderen Sprachen zu verstehen. Denn ein nicht-medialisiertes –oder nicht von Computern gesteuertes Gespräch– ist etwas ganz Anderes, als sich mit Hilfe eines Apps oder Bots zu verständigen. Das Zwiegespräch sollte weiterhin ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Kommunikation bleiben. Ich meine, dass wir menschliche Interaktionen niemals so weit automatisieren dürfen, dass sie ohne technische Hilfsmittel nicht mehr funktioniert – ist vollkommen altmodisch, oder ist es einfach humanistisch? Im Buchkapitel “Warum wir nicht Teil von Technologie werden sollten” versuche ich einen Beitrag zur aktuellen Debatte um die dramatische Erweiterung menschlicher Fähigkeiten beizusteuern. Wer würde sich denn nicht die Superkräfte wünschen, die uns eines Tages zur Verfügung stehen werden; wenn unsere Gehirne in der Lage sind, sich nahtlos und direkt mit dem Internet zu verbinden, etwa über ein planetares Bewusstseinsfeld, wie es sich Peter Russells in seinem Buch „Global Brain“ vorstellt, oder über Cloud Computing, über tragbare Systeme („Wearables“), über künstliche oder virtuelle Realitäten, über Gehirn-Computer-Schnittstellen (so genannte BCIs, oder Brain-Computer-Interfaces) oder über Gehirnimplantate, die spätestens in den nächsten sechs bis acht Jahren marktreif sein werden…?  Uploading your brain… eine gute Idee? Wenn wir diese Möglichkeiten dann als das „neue Normale“ annehmen, dann besteht die Gefahr, dass wir irgendwann gar nicht mehr ohne sie auskommen können – und zwar nicht im Sinne der heutigen Smartphones, sondern im Sinne des heutigen Herzschrittmachers! Ist das wirklich eine gute Idee? Und können wir überhaupt noch etwas gegen diese Entwicklung tun? https://www.youtube.com/watch?v=DL99deFJYaI&list=PLanVbnXDg2Uagi7pR5jt16BbJqj5Z_U7A&index=1

Technologie ist nicht das, was wir suchen, sondern wie wir suchen.

Technologie wird aber zunehmend mehr sein als nur ein Werkzeug, sie wird nimmermehr zum Selbstzweck. Facebook war einmal ein Werkzeug, um Freunde zu finden und sich mit ihnen neu zu verknüpfen; heute ist Facebook eine gigantische Datenkrake und ein globales Medienunternehmen, das Milliarden an Werbeeinnahmen generiert – der Algorithmus beherrscht alles; wir User sind selber der Inhalt geworden. LinkedIn war mal ein großartiges Werkzeug, um globale Geschäftsbeziehungen zu kultivieren; heute ist es vorwiegend eine profitgetriebene Plattform zur Auswertung von Informationen aus der globalen Personalvermittlung, und wir können nicht mal mehr auf die ursprünglichen und nützlichen Funktionen zugreifen, ohne dafür extra zu bezahlen, also ein teures Abonnement abzuschließen. LinkedIn war einmal ein gutes und nützliches Tool – heute dient es fast nur noch dem Eigennutz der Betreiber. Ein faustischer Deal? Unsere Werkzeuge sind dabei, sich selbständig zu machen, und sie geben uns immer mehr die Agenda vor, nach der wir unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit aufteilen sollen – und dies wird immer deutlicher, je mehr von diesen Plattformen aufgekauft oder als globale Marken an die Börse gebracht werden.

Technologischer Wandel ist exponentiell und kombinatorisch.

Der lange Lauf von Moores Law wird wohl irgendwann zu Ende gehen, jedenfalls was Chips und Prozessoren angeht, es sei denn, 3D- oder Quantum Computing wird wirklich Realität. Alles andere wird aber weiterhin dieser Grundlogik folgen: Was Technik kann wird sich alle 12 bis 24 Monate verdoppeln, und gleichzeitig noch billiger werden, je nach Branche ein bisschen mehr oder weniger aber grundsätzlich weiterhin in diese Richtung. Und hier ist es ganz wichtig zu verstehen, dass wir nicht mehr am Anfang stehen, also zum Beispiel bei 0,001, wo der nächste Schritt dann 0,002 wäre. Wir sind inzwischen schon bei 4, und 8 ist der nächste Schritt. Wenn wir uns von 4 nur sechs Schritte weiterbewegen, sind wir bei 128 – ungefähr 30-mal so weit wie heute, und das in nur 10 Jahren! Das große Dilemma lautet nun: Technologie ist exponentiell, aber Menschen leben immer noch linear! Es geht nicht mehr wie früher um einfache Entwicklungsstufen wie von der Pferdekraft zur Dampfmaschine oder von der Eisenbahn zum Flugzeug, sondern wir stoßen mittlerweile in immer tiefere Gewässer vor, in denen solche scheinbar zeitlosen Dinge wie Zufälle und Privatheit verschwinden und diese erweiterte Leistungsfähigkeit des Menschen schnell zu einer radikalen Polarisierung unserer Gesellschaft führen könnte.

Wir stehen am Scheideweg: “Erst ganz langsam, dann ganz schnell” ist die neue Norm.

Wir haben einen kritischen Moment in der Menschheitsgeschichte erreicht, nämlich “4” auf der Exponenzialskala (2017). Ab jetzt fängt die Verdopplung an, richtig spürbar zu werden. In Zukunft wird es immer seltener „langsam“ und immer häufiger „schneller“ zugehen, und zwar überall. Wir werden die Auswirkungen in allen Bereichen unserer Gesellschaft zu spüren bekommen – die Zeit des sich langsam-vortastens ist vorbei. „Erst mal abwarten“ (wait and see) bedeutet immer öfter, sich selbst irrelevant und überflüssig zu machen; dies ist besonders gut an dem blitzartigen Aufstieg der digitalen Plattformen wie Google, Facebook, Amazon, Alibaba und Tencent zu sehen, begleitet vom Massensterben der alten Marken.

Die Zukunft ist…HimmelHölle („Hellven“).

Die HimmelHölle ist ein Schlüsselbegriff in meiner Arbeit.  Die Veränderungen, die ich beschreibe, können sowohl himmlische Resultate wie auch höllische Folgen mit sich bringen, je nachdem, aus welchen Winkel man sie betrachtet und wie gut wir mit diesen neuen Mächten umzugehen wissen. Digitalisierung und Automatisierung sind vielleicht ‚himmlisch’ für große Unternehmen, aber für ihre Mitarbeiter können sie auch die Hölle sein – und oft auch für ihre Kunden. Immer mehr Daten, Intelligenz und Virtualisierung könnten die Kosten vielleicht um himmlische 95 Prozent senken, erzeugen aber auch immer größere Sicherheitsrisiken und könnten im schlimmsten Fall zum Ende der Privatheit und sogar des freien Willens führen. Wer reguliert denn diese neuen Möglichkeiten? Oder brauchen wir dann keine zentrale Kontrolle? Welche ethischen Werte sollten überleben oder neu definiert werden? In vielen Wirtschaftsbereichen verschwinden alte, vertraute Geschäftzyklen und deren Grundlagen, und der Abstand zwischen Gewinnern und Verlierern wird immer größer – die soziale Ungleichheit ist ja eigentlich durch Technologie nicht besser geworden, sondern ganz im Gegenteil.  Dies hat mit viel mehr zu tun als nur mit dem ‚Verschmelzen von Zeit und Raum’, wie man es im Zusammenhang mit der Globalisierung immer wieder beschwört. Die Tatsache ist, dass exponentielle Technologien wie zum Beispiel künstliche Intelligenz und DNA-Manipulation unsere menschliche Existenz komplett neu definieren werden.

Der Begriff ‚Androrithmus’.

Dies ist eine wichtige Wortschöpfung in meinem Buch. Ich verwende diesen Begriff, um das zu beschreiben, was für uns als Menschen wirklich zählt, nämlich menschliche „Rhythmen“, im Gegensatz zu Maschinenrhythmen, also Algorithmen. Es gibt ja bekanntlich sogenannte endogene, innere oder circadiane Rhythmen: eine Art innere Uhr des Menschen, die in der Regel eine Periodenlänge von 24 Stunden hat, so wie der Schlaf-Wach-Rhythmus. Genauso gibt es kulturelle und soziale Verhaltens-Rhythmen, die unsere Wahrnehmung und Erfahrung bestimmen. Ein Supercomputer kann ein Schachspiel oder ein Go-Turnier oder sogar im Poker gewinnen, aber der gleiche Computer wäre immer noch außerstande, einem Zweijährigen gedanklich zu folgen oder ihn wirklich zu verstehen. Ein Mensch, der mir auf einer Konferenz kurz begegnet, braucht weniger als eine Sekunde, um sich einen ersten Eindruck von mir zu machen – auch wenn ich kein Wort sage. Ein Computer kann mich, meine Werte, meine Ethik, meine Gefühle, nicht einmal dann wirklich (also im Sinne von holistisch) verstehen, wenn er meine komplette Browserhistorie und alle meine Äußerungen in den Sozialen Medien der letzten sieben Jahren aufgenommen und verdaut hätte, also geschätzte 200 Millionen Datenpunkte zur Verfügung hätte. Er kann sie nur wie eine Art von gigantischem Tripadvisor –nach dem US-Unternehmen für Reisebewertungen– analysieren. Das ist hilfreich, aber sehr reduziert wahr…aber auch nicht ganz wahr. Zu den Androrithmen zählen auch urmenschliche Eigenschaften wie Empathie, Anteilnahme, Kreativität und Geschichtenerzählen, ebenso wie Dinge, die auf dem besten Weg sind, bald zum Auslaufmodell zu werden, nämlich das Rätselhafte, Zufälle, Fehler oder Geheimnisse. Was könnte das beispielsweise für die Zukunft des Erfindens bedeuten? Ich behaupte, dass wir jedes Mal, wenn wir einen neuen und daher magischen Algorithmus schaffen, dringend auch unsere Androrithmen auf den neuesten Stand bringen sollten, denn jeder technologische Fortschritt beeinflusst die Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen zusammenleben. In der nahen Zukunft müssen wir wahrscheinlich damit anfangen, essentielle menschliche Eigenschaften davor zu schützen und zu bewahren, von Technologien verdrängt zu werden, die uns immer wieder gerne als die perfekte Lösung aller menschlicher Probleme verkauft werden. Vielleicht brauchen wir ja eine Art von EPA (Environmental Protection Agency) for Humanity? “Computer sind dumm – sie liefern nur Antworten” (Pablo Picasso) “Computer sind für Antworten, Menschen für Fragen” (Kevin Kelly)

Meine Megashifts.

Weil sich alle exponentiellen Technologien nun in ihrer Entwicklung gegenseitig ergänzen und verstärken, ist es wichtig zu verstehen, dass diese Trends gewaltige Chancen darstellen, aber auch immense Herausforderungen an unsere bestehenden Geschäftsmodelle, Sozialverträge und Gesetze und an die Menschheit als Ganzes mit sich bringen werden. Meine sog. Megashifts (siehe auch dieses Video) sind tektonische Verschiebungen und nicht bloße Trends oder Paradigmenwechsel, die in der Regel nur einen bestimmten Bereich betreffen. Megashifts entstehen erst ganz langsam und dann sehr schnell und verändern die Grundlage ganzer Geschäftsmodelle und Ordnungssysteme unserer Gesellschaft.  Megashifts ersetzen nicht einfach den Status quo durch eine neue Normalität, sondern sie entfesseln kontinuierliche dynamische Kräfte, die das Leben, wie wir es kennen, so lange neu formen bis jede langfristig verlässliche Voraussage darüber unmöglich ist. Sie konfigurieren sozusagen das uralte Verhältnis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neu. Hier sind einige Beispiele:

  • Mobilisierung: Computing findet nicht mehr am Schreibtisch statt – sondern überall!  Computing wird nun… wie Wasser, oder Sauerstoff.
  • Screenification: Das Leben findet vor dem Bildschirm statt, alles was früher gedruckt wurde ist jetzt auf Bildschirmen aller Art gelandet – und bald wird jede Wand auch ein Bildschirm sein.
  • Disintermediation: Viele traditionelle Mittelsmänner werden verschwinden, weil wir dank unserer Technologie “direkt” gehen können. Denken Sie nur an Medienunternehmen, Verleger, Werber (Marken können heute ihre eigene Geschichte erzählen, ohne TV oder Print).
  • Datifizierung (Datafication): Was früher zwischen Menschen geschah, ohne dass es notwendigerweise aufgeschrieben, medialisiert oder digital moderiert wurde, wird heute immer mehr in analysierbare Daten verwandelt, zum Beispiel elektronische Patientendaten (eletronic medical records) die von Patientengesprächen mit dem Arzt abgeleitet werden. LinkedIn ist das beste Beispiel: was früher nur HR Manager wissen konnten, ist heute für jeden User in 20 Sekunden sichtbar.
  • Kognifizierung: Dinge, die früher dumm waren, werden heute vernetzt und “smart”, zum Beispiel Erdgasleitungen, Landwirtschaftsbetriebe, Autos, Frachtcontainer, etc.  Smart City, Smart Farming, Smart Ports…The Global Brain (das globale Gehirn).  (Siehe auch ‚cognification‘ von Kevin Kelly)

Alles, was wir heute tun, wird jetzt schon beobachtet und überwacht, notiert, aufgezeichnet und analysiert. Und wir sind erst ganz am Anfang, denn die größten Technologiekonzerne der Welt sind gerade dabei, ihre eigenen Betriebssysteme für die intelligente Cloud zu bauen, riesige „Gehirne“, die ständig dazu lernen und selber ‚denken’ können. Hunderte Millionen von Usern tragen dazu bei, z.B. über ihre Daten-Feeds in sozialen Medien, und über ihre Smartphones. Facebook betreibt bereits ein globales Sozial-OS (Operating System oder Betriebssystem), und LinkedIn betreibt ein Job/HR/Work-OS. Google baut tatsächlich eine Global Brain, und sie nennen es sogar ‚ the Google Brain Project‚. Eine neue Firma namens VIV (kürzlich von Samsung gekauft) behauptet gar: „Intelligenz ist jetzt eine Utility“, und IBM möchte mit IBM Watson das Gehirn (also das ‚Cognitive Computing‘) hinter so gut wie allem sein: Medizin und Gesundheitswesen, Rechtsprechung, öffentlicher Dienst, Medien, Werbung und Energieversorgung. Was geschieht dann mit uns und unseren eigenen Gehirnen, wenn wir wirklich permanent und überall mit diesen diversen ‚Global Brains‚ verbunden sind? Unser Gehirn ist ja auch ’nur‘ ein neuronales Netzwerk von ca. 100 Milliarden Nervenzellen, das in der Lage ist, zirka 40 Quadrillionen Rechenvorgänge pro Sekunde durchzuführen –  Supercomputer werden aber schon sehr bald viel mehr leisten können. Einige Futuristen-Kollegen wie Ray Kurzweil sagen voraus, dass schon im Jahre 2050 ein Computer die gesamte Hirnkapazität aller menschlichen Hirne (also dann ca. 10 Milliarden) haben wird. Werden wir dann immer nutzloser werden (eine neue Art von „Useless Class“ wie Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch ‚Homo Deus’ sagt)? Wird der Mensch als überalterte ‚Wetware’ zum Auslaufmodell? Und wer hat dann das Sagen?  Wird das Himmel oder Hölle?  Oder wird es ein Himmel für all diejenigen, die es ich leisten können, und die Hölle für alle anderen?

Sind Software, Maschinen, Roboter und KI dabei, die Welt zu betrügen (cheating the world)?

Marc Andreessen hat 2011 im Wall Street Journal gesagt: “Software is eating the world” – Software verschlingt die Welt. Eigentlich richtig, aber ich mache mir in letzter Zeit immer häufiger Gedanken darüber, ob nicht in naher Zukunft a) Software und Algorithmen uns Dinge versprechen werden, die sie eigentlich nicht wirklich oder nur ganz schlecht liefern können, und b) dass wir unsere Technologien irgendwann so sehr vermenschlichen (‚anthropomorphizing’), dass wir anfangen zu denken, dass diese Algorithmen und Maschinen selber irgendwie „menschlich“ sind – und unser Verhalten entsprechend darauf abstimmen werden (ich nenne das ‚Machine Thinking‚). Und nun gibt es bereits die ersten Diskussionen darüber ob eine ‚denkende Maschine’ Menschenrechte haben sollte oder nicht! Insbesondere werden neuartige Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine sowie perfekte und intuitive Sprachsteuerung dazu führen, dass wir zunehmend mit Maschinen so reden wie mit unseren Freunden. Dieser Trend wird zu noch größerer Verwirrung führen darüber, was real ist und was nicht, und was wir von Maschinen erwarten sollten, oder nicht. Und am Ende könnte uns die Software womöglich immer mehr aufs Glatteis führen, indem unser Digital Assistant uns etwas verspricht, das angeblich wertvoll ist, in Wahrheit aber vollkommen irrelevant, manipuliert oder einfach nur ‚fake’ ist.  Ein gutes Beispiel sind vielleicht die vielen „Quantified Self“ Angebote, die seit einer Weile wie Pilze überall aus dem Boden schießen; Netzwerke aus Anwendern und Anbietern von Methoden, um umwelt- und personenbezogene Daten aufzuzeichnen, zu analysieren und auszuwerten. Für mich ist das oft eher eine Art von ‚quantified slave’…

Der Trend zu exponentieller Abdankung (Abdication), zu De-Skilling und Selbstvergessen.

Der Pilot einer amerikanischen Linienmaschine verbringt im Durchschnitt inzwischen gerade mal vier Minuten damit, das Flugzeug tatsächlich selbst zu fliegen. US-Fluggesellschaften machen sich deshalb große Sorgen, ihr Flugpersonal könnte vergessen, wie man fliegt. Das sogenannte ‚gläserne Cockpit’ macht dieses Problem nur noch größer; es gibt fast keine Schalter oder Hebel mehr, alles ist digital und auf Bildschirmen präsentiert. Aufgrund dieser exponentiellen Automatisierung und Virtualisierung schafft es ein menschlicher Pilot nun fast nicht mehr, in einer plötzlichen Gefahrensituation schnell und 100% sicher das Steuer zu übernehmen. Viele Menschen haben auch schon längst aufgegeben, sich ohne Technologie in der Stadt zurecht zu finden, in der sie leben. Wozu auch? Google Maps sagt mir doch immer, wo ich gerade bin. Manche Menschen weigern sich inzwischen, irgendwo zu essen, wenn das Restaurant nicht von TripAdvisor oder auf Facebook empfohlen worden ist. Millionen von Menschen können nicht mehr gut einschlafen, wenn sie nicht ihr Fitnessarmband tragen. Viele Millionen von Facebook-Usern in der sog. Dritten Welt glauben gar, Facebook sei das Internet. Ein neues Bluetooth-verbundenes Diaphragma misst die Temperatur im Geburtskanal schwangerer Frauen, um vorherzusagen, wann die Wehen einsetzen werden. Überall auf der Welt sind selbstfahrende Autos bereits in erste schwere Unfälle verwickelt worden (und das ist nur die Spitze des Eisbergs) – aber nicht etwa, weil das Auto bzw. die Software einen Fehler gemacht hat, sondern weil der Mensch am Steuer die Fähigkeiten des Autopiloten total überschätzt hat. Große Konzerne verwenden immer häufiger HR-Analytiksysteme, um aus einer Unmenge von Daten die Leistung ihrer Mitarbeiter zu messen – um dann zu entscheiden, wer gehen muss, oder wen sie neu einstellen sollen.   Hier sind ein paar meiner Statements die ich während meiner Keynotes gerne benutze:

  • “Die Zukunft ist wie eine Schachtel Pralinen. Eh du dich umschaust ist nur noch eine da.“  (frei nach Forrest Gump)
  • „Magische Technologien korrumpieren. Exponentielle Technologien korrumpieren exponentiell.“
  • „Alles was sich digitalisieren, automatisieren und visualisieren lässt, wird es auch. Alles andere (also Dinge, die nur der Mensch kann) wird immer wertvoller werden“
  • „Zivilisationen werden durch ihre Technologien verändert aber durch ihre Menschlichkeit definiert“
  • „Unternehmen oder Organisationen, für die die Zukunft nur eine Idee ist, werden vielleicht überleben. Diejenigen, die die Zukunft fühlen können, werden erfolgreich sein“
  • „Die Fähigkeit von der Zukunft rückwärts zu denken, anstatt bloss über die Zukunft per-se nachzudenken, wird entscheiden, ob die digitale Transformation nur eine Unterbrechung oder eine Endstation darstellt“

Technology-vs.-Humanity-Ch-1-Prologue-to-the-Future Gerd Leonhard Preview  PDF mit Preview meines englischen Buchs   https://youtu.be/-XHEzVC2L40

Update: hier ein brandneuer Artikel aus dem Swiss Future Magazin: Technologie vs Mensch: Technologie vs Mensch DE sf_217_Leonhard

Shared Tech vs Human https://youtu.be/4uo1FlcQENk?list=PLanVbnXDg2UZuVjJQx-yFCOgGdkDUUnLq

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